Besorgter Vater

Hallo,

wie Ihr schon vermutet bin ich ein besorgter Vater, der festgestellt hat, dass sein Sohn (wird 16 im Dezember) Drogen konsumiert. Bekannt ist mir momentan nur der Gebrauch von Hasch. Inzwischen wird täglich konsumiert, meistens wenigstens nach Schule oder aktuell Praktikum. Allerdings sind die Auswirkungen auf Verhalten und schulische Leistung sehr deutlich sichtbar. Als ohnehin schon eher Schwacher lassen die Leistungen nun noch mehr nach. Die üblichen Begleiterscheinungen "Antriebslosigkkeit, lustlos" usw. sind schon länger sichtbar. Der Freundeskreis hat sich ebenfalls gewandelt und sein Verhalten belastet das Familienleben schon extrem.

Am meistens verzweifeln wir eigentlich wohl am allgemeinen Desinteresse und der nicht vorhandenen Kommunikationswilligkeit. Leider haben wir nun herausgefunden, dass er uns auch schon bestohlen hatte, vermtl. um sich Drogen zu beschaffen, denn sonst hatte er kein weiteres Geld.

Wir sind momentan ziemlich ratlos, weil er zwar sagt, das ihm sein Praktikum ganz gut gefällt, er es aber mit seinem Verhalten durchaus gefährdet. Auch die Teilnahme am weiteren Schulbetrieb erscheint uns manchmal fraglich, weil er durch seine fehlende Aufmerksamkeit zuviel versäumt. Kleinere "Maßnahmen" wie Taschengeldentzug und "Stubenarrest" oder "Arbeitsauflagen", halten wir selbst nicht dauerhaft für sinnvoll und setzen sie auch nur teilweise ein. Weil er aber trotz mehrmaliger Beteuerung doch weiter unter Drogeneinfluss sein Mofa fuhr, haben wir ihm dies "als Schutzmaßnahme" zur Zeit untersagt.

Wir haben bislang noch keine professionelle Therapiehilfe begonnen, weil wir glauben, dass er sich vermutlich verweigern würde, wie er es bereits bei einem ersten Versuch der Schule tat.

Sollen wir versuchen, einigermaßen normal im Familienverbund weiterzuleben, ein soziales Umfeld bieten und darauf vertrauen, dass ihn irgendeine Erkenntnis ereilt und sich sein Drogenkonsum verändert? Manchmal hatten wir darüber nachgedacht ihn in eine "geschlossene" Einrichtung zu geben, andererseits erscheint uns das wie "abschieben" oder einfach der "bequemere" Weg. Da er sich allerdings nicht an vereinbarte Regeln und Absprachen hält, ist ein Zusammenleben mit ihm ausgesprochen schwierig und führt an sich nur dazu, unsere Positionen zu untergraben, weil wir derzeit versuchen massiv zu "deeskalieren". Dies kann auch als Inkonsequenz ausgelegt werden und in seiner aktuellen "Entwicklungsphase" neigt er ohnehin dazu alles und jeden anzuzweifeln bis zu nicht akzeptieren. Die Versuche mit ihm darüber zu reden sind schwer bis unmöglich, da er sich ab einer gewissen "Gesprächstiefe" zurückzieht und kaum bis gar nicht mehr teilnimmt. Er weiss, das er zuviel konsumiert und weiss wieder nicht, wie er aufhören soll, da ihm die Vorstellung schwerfällt. Die teilweise Einsicht in Gesprächen setzt er überhaupt nicht in Taten um, was uns sehr schmerzt.

Also Therapieversuch oder weiter versuchen auf Konsequenzen hinzuweisen und auf Einsicht hoffen?


Dr. Frühling:

Hallo heddi,

erst einmal müssen wir sagen, dass es in Form einer solchen anonymen E-Mail-Beratung schwierig ist, ausreichende Hilfe in Bezug auf ein besser funktionierendes Familienleben zu geben. Zwischenmenschliche Gefüge in Familien sind sehr komplex gestaltet und da uns in den wenigsten Fällen genug Hintergrundinformationen zur Verfügung stehen, die es uns erlauben würden, Handlungsmöglichkeiten vorzustellen, können wir nur einige Tipps geben und unsere Sicht der Dinge schildern, soweit uns die empfangene E-Mail und unser Wissen das erlauben. Es ist gut, dass Ihr Euch so intensiv, im Interesse Eures Sohnes Gedanken machst. Nicht überall ist das der Fall.

Gerade im Alter von 12 bis 20 Jahre werden Jugendliche vor Entwicklungsaufgaben gestellt, die nur unter viel Zeit- und Kraftaufwand von ihnen selbst gelöst werden können (Identitätsfindung, neue soziale Kontakte, Zukunftsaussichten ...). Jugendliche testen sich selbst aus, in Bezug auf ihre körperliche, geistige und mentale Verfassung und in diesem Zusammenhang auch in Bezug auf Drogen. In dieser Zeit ändert sich auch in den meisten Fällen das Verhältnis des Jugendlichen zu seinen Eltern (was nicht bedeuten soll, das es sich verkomplizieren und erschweren muss). Damit soll darauf hingewiesen werden, dass Drogen nicht die einzige Problemquelle sein müssen, auch was schulische Leistungen oder Verhaltensweisen wie Antriebslosigkeit, Desinteresse und Kommunikationsunwilligkeit angeht. Bei den wenigsten Jugendlichen rufen allein Drogen solch schwer wiegende und anhaltende Verhaltensänderungen hervor, dass ein Zusammenleben ungemein erschwert wird. Die meisten gebrauchen psychoaktive Substanzen verantwortungsvoll, ohne, dass der Konsum zum Problem wird.

In erster Linie geht es bei Euch darum, dass das Zusammenleben in Eurer Familie erleichtert wird. Dazu gehört unserer Meinung nach auch die Beseitigung, oder zumindest das Bewusstwerden eines Problems. Nämlich dem, dass verschiedene (legitime) Ansichten darüber existieren, was anzustrebene und erwünschte Verhaltensweisen in der Familie sind und wer diese festlegt. Es gibt in Ihrer Familie verschiedene Ansichten darüber, wie man sein Leben gestalten sollte, wie man sich zu verhalten hat. Das führt zu einem Konflikt.

Eine Lösung könnte sein, dass anstatt einer Person, alle betroffenen Personen, gleichberechtigt an der Festlegung von Entscheidungen teilhaben. So kann zumindest versucht werden, dass niemand benachteiligt wird und jede/r seine/ihre Interessen und seine/ihre Position vertreten kann. Ein solcher Prozess wäre "demokratisch" und würde vielleicht einen Kompromiss hervorbringen, mit dem alle Seiten zufrieden sind.

Wichtig dafür ist, miteinander im Gespräch zu bleiben. Nur so ist es möglich, dass Ihr mehr über Euren Sohn und Euer Sohn mehr über Eure Sichtweise erfährt (Warum er/Ihr sich/Euch so oder so verhält/verhaltet. Was für Perspektiven er/Ihr habt ...). Man kann sich über Drogenkonsum austauschen (Wie gehen Menschen mit Drogen um? Wie geht Dein Sohn mit Drogen um? Wie gehst Du mit Drogen wie Nikotin, Alkohol, Kaffee usw. um? Welche kulturellen Hintergründe hat Drogenkonsum?).

Man kann viel voneinander lernen. Es ist wichtig, Verständnis füreinander aufzubringen, Sichtweisen des/der Anderen zu überdenken und auch zu akzeptieren, dass jeder Mensch seine eigenen Entscheidungen treffen muss. Auch Dein Sohn besitzt, wie jede/r andere diese Entscheidungsfreiheit.

Regeln, ob ausgesprochen oder unausgesprochen, sind in einer Familie wichtig, um ein Zusammenleben zu ermöglichen und sicherlich auch um Gefahren abzuwenden (wie beim Mofa-Fahren unter Drogenkonsum, bei übermäßigem, schädigendem Drogengebrauch etc.). Aber mindestens genauso wichtig ist, dass sie auf Gegenseitigkeit beruhen, jeder ihren Sinn erkennt und danach handelt. Manchmal hilft der einfache Sachzwang, mit dem Situationen verbunden sind, um die Notwendigkeit von Regeln und die Verantwortung eines jeden Familienmitglieds aufzuzeigen und um so eine Verhaltensänderung hervorzurufen.

Manchmal stellt aber schon die Tatsache, dass es unterschiedliche Ansichten über den Gebrauch von Drogen gibt, ein Konfliktpotential dar. Ob sich jemand für oder gegen Drogen entscheidet, ist in erster Linie die freie Entscheidung eines/r jedes/n Einzelnen selbst. Jugendlichen sollte diese Entscheidung nicht durch Verbote abgenommen werden, um sie somit einer Unmündigkeit zu bezichtigten. Vielmehr sollte es Ziel sein, einen verantwortungsbewussten Umgang mit Drogen anzuleiten und zu begleiten, ihre Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen und vor allem Handlungsalternativen anzubieten und auszuhandeln. Das alles auch unter dem Gesichtspunkt, dass Drogengebrauch (von Alkohol, über Nikotin zu XTC) bei den meisten Jugendlichen üblich ist, aber bei den meisten auch nur eine zeitlich beschränkte Phase darstellt.

Um die Situation in Eurer Familie zu entspannen, ist es weniger hilfreich, allein Spekulationen über den etwaigen Konsum von anderen Drogen oder den Diebstahl von Geld, um sich möglicherweise Drogen zu beschaffen, zu beginnen. Das ist unnötig. Ein Gespräch darauf zu beschränken, würde vielleicht zu falschen Schlüssen führen und könnte Euer Verhältniss zueinander noch mehr belasten.

Euren Sohn in eine Therapie oder Einrichtung zwangseinzuweisen, läuft seinen persönlichen Freiheitsrechten zuwider und kann kein Mittel zur Problemlösung sein. Du bist als Vater zwar zur Erziehung berechtigt, es ist zugleich aber ein Grundsatz von Drogenhilfeeinrichtungen (egal ob sie Beratung oder Therapie anbieten), dass ihre Angebote freiwillig wahrgenommen werden. Ohne diese Freiwilligkeit ist die Chance der Verhaltensänderung nicht vorhanden.

Professionelle Familienberatungsstellen, die es fast in jeder Region gibt, bieten Hilfe in dieser Situationen an. Sie ist kostenlos. Man kann im persönlichen Gespräch mit den Fachkräften dieser Einrichtungen Probleme genauer und tiefgründiger erläutern als dies per E-Mail möglich ist.Es besteht dabei natürlich auch die Möglichkeit, erst einmal allein zu einer solchen Beratungsstelle zu gehen um sich zu informieren.

Vielleicht konnten wir ein wenig helfen.

Viel Glück
Dein Dr.-Frühling-Team

 

Die Informationen in unserer Antwort sind keine Anleitung oder Motivierung zum Drogenkonsum! Aufgeführte Substanzen können dem BtMG [Betäubungsmittelgesetz] unterliegen. Besitz, Erwerb und Handel damit sind strafbar! Wenn die Stoffe frei verfügbar sind, heißt das nicht, dass ihr Gebrauch ungefährlich wäre. Dieser Text wurde nach bestem Wissen und Gewissen verfasst. Dennoch können Irrtümer nicht ausgeschlossen werden. Die Drug Scouts übernehmen keine Haftung für Schäden, die durch irgendeine Art der Nutzung der Informationen dieses Textes entstehen.

Alter: 

42