Abhängigkeit

Der Begriff „Abhängigkeit“ wird ganz unterschiedlich benutzt – z.B. umgangssprachlich, medizinisch, psychiatrisch. So bezeichnen sich Menschen z.B. als abhängig von Drogen, von Schokolade, von anderen Menschen oder von Sport. Der Begriff wird also oft, aber nicht grundsätzlich als negativ verwendet.
Jeder Mensch ist von der Deckung körperlicher (essen, trinken, schlafen) und psychischer Grundbedürfnisse (emotionale Zuwendung, Anerkennung) abhängig.

Im Zentrum der klinischen/medizinischen Betrachtung und Definition von „Abhängigkeit“ stehen zwei Klassifikationssysteme – ICD-10 und DSM-5. 
Der ICD-10 ist die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in seiner 10. Überarbeitung. Diese Klassifikation wird v.a. im Behandlungsbereich der Rentenversicherung und der Krankenversicherung angewendet. Im ICD-10 werden ganz viele Krankheitsdiagnosen verschlüsselt aufgeführt, z.B. Grippe, Krankheiten der Schilddrüse oder Rückenschmerzen. „Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (F10-F19)“ sind im Kapitel V „Psychische und Verhaltensstörungen“ aufgeführt.
Im ICD-10 werden sechs Kriterien benannt, anhand derer eine Substanzabhängigkeit diagnostiziert werden kann.
Nach dem ICD-10 darf die Diagnose „Abhängigkeit“ nur dann gestellt werden, wenn bei der untersuchten Person mindestens drei der folgenden Kriterien gleichzeitig während des letzten Jahres vorhanden waren:

  1. starker Wunsch oder eine Art Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren.
  2. verminderte Kontrollfähigkeit in Bezug auf den Beginn, die Beendigung oder die Menge des Konsums.
  3. körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums,
  4. Nachweis einer Toleranz gegenüber der Substanz, im Sinne von erhöhten Dosen,
  5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums
  6. Anhaltender Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen.

Der DSM-5 ist ein „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“ und wird von der American Psychiatric Association herausgegeben. Er findet v.a. Anwendung in der klinisch-psychiatrischen Diagnostik. Momentan liegt die 5. Überarbeitung vor.
Die Abhängigkeitsdefinition ist weitestgehend identisch mit der des ICD-10, allerdings wird hier von einer „Substanzgebrauchsstörung“ gesprochen. Im Gegensatz zum ICD-10 gibt es im DSM-5 11 Kriterien. Davon müssen in den letzten 12 Monaten mindestens 2 erfüllt sein, um eine Substanzgebrauchsstörung diagnostizieren zu können. Bei 2-3 Kriterien wird von einer moderaten Substanzgebrauchsstörung gesprochen, bei ab 4 Kriterien von einer schweren.

11 Kriterien des DSM-5:

  • wiederholter Konsum, sodass wichtige Verpflichtungen in der Arbeit, in der Schule oder zu Hause vernachlässigt werden;
  • wiederholter Konsum in Situationen, in denen es auf Grund des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann;
  • wiederholter Konsum trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme;
  • Toleranzentwicklung, gekennzeichnet durch Dosissteigerung oder verminderte Wirkung;
  • Entzugssymptome oder Substanzkonsum, um Entzugssymptome zu vermeiden;
  • längerer Konsum oder in größerer Menge als geplant (Kontrollverlust);
  • anhaltender Kontrollwunsch oder erfolglose Versuche der Kontrolle;
  • hoher Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von der Wirkung des Konsums zu erholen;
  • Aufgabe oder Reduzierung von Aktivitäten zugunsten des Substanzkonsums;
  • fortgesetzter Gebrauch, obwohl körperliche oder psychische Probleme bekannt sind;
  • starkes Verlangen oder Drang, die Substanz zu konsumieren (Craving).

(Quelle: http://www.medikamente-und-sucht.de/behandler-und-berater/medikamentensicherheit/missbrauch-und-abhaengigkeit/substanzgebrauchsstoerung-diagnosekriterien.html)

Veränderungen zum Vorgänger DSM-4 sind u.a.:
- die Trennung von „Missbrauch“ und „Abhängigkeit“ wurde zugunsten des Begriffs „Substanzgebrauchsstörung“ aufgehoben
- „Substanzgebrauchsstörung“ wird in verschiedene Schweregrade eingeteilt (leicht, mittel, schwer)
- das Kriterium „wiederkehrende Probleme mit dem Gesetz“ wurde auf Grund empirischer Unbrauchbarkeit entfernt
- das Kriterium „Craving“, also starkes Verlangen nach der Substanz, wurde neu aufgenommen
- „pathologisches Spielen“ wurde neu aufgenommen als substanzungebundene Gebrauchsstörung bzw. „Verhaltensstörung“

Diese Neuentwicklungen werden von fachlicher Seite unterschiedlich bewertet.
„Bezüglich der Kategorie des schädlichen Gebrauchs, die jetzt in die Substanzgebrauchsstörung („substance use disorder“) einbezogen wird, stellt sich hier konkret die Frage nach der möglichen Aufweichung gut abgrenzbarer, schwerer Krankheitsbilder. Bezüglich der Verhaltenssüchte ergeben sich Bedenken aufgrund der möglichen Pathologisierung einer Vielzahl gesellschaftlich unliebsamer Verhaltensweisen als Verhaltenssüchte in weiteren Revisionen der Krankheitsklassifikation.“
(Quelle: https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-013-3989-z)

Eine weitere Einschätzung gibt es hier: https://www.ptk-nrw.de/de/mitglieder/publikationen/ptk-newsletter/archiv/ptk-newsletter-sucht/veraenderungen-im-dsmv-der-neue-suchtbegriff.html

Anmerkungen zu einzelnen Kriterien:
Eine Toleranzentwicklung, also im Lauf der Zeit immer mehr zu konsumieren, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, gibt es beim Konsum fast aller Drogen, wenn sie regelmäßig konsumiert werden. Sie tritt also nicht nur beim Konsum von Substanzen auf, denen nachgesagt wird, eine körperliche Abhängigkeit erzeugen zu können.
Körperliche Entzugssymptome wie Zittern, Schweißausbrüche oder Magenkrämpfe können Hinweise auf eine körperliche Abhängigkeit sein. Der dauerhafte Konsum führt dazu, dass sich der Stoffwechsel des Körpers anpasst und der Organismus die psychoaktive Substanz schließlich für ein normales Funktionieren „braucht“. Wird die Substanz abgesetzt oder deutlich reduziert, wird der Stoffwechsel gestört - es treten Entzugserscheinungen auf, die durch erneuten Konsum der Droge vermieden oder gelindert werden können. Ein erhöhtes Risiko eine körperliche Abhängigkeit zu entwickeln, ist besonders bei Alkohol, Opiaten/Opioiden (Heroin, Tilidin, Tramadol), Benzodiazepinen (Schlaf- und Beruhigungsmittel) und GHB/GBL gegeben.

Ins DSM-5 wurde „Craving“, also das starke Verlangen nach dem Konsum einer Substanz, als neues Kriterium für eine Substanzgebrauchsstörung aufgenommen. Die Kontrolle über den Konsum ist hierbei stark eingeschränkt. Auch die weiteren oben genannten Kriterien kennzeichnen vor allem die psychische Abhängigkeit, z.B. die Vernachlässigung anderer Interessen und das Fortsetzen des Konsums trotz schädlicher Folgen für die Gesundheit oder trotz Probleme in Beziehungen zu anderen Menschen. Bei Abstinenz können zudem psychische Entzugserscheinungen wie Unruhe, depressive Verstimmungen und Angstzustände auftreten. Eine psychische Abhängigkeit ist entgegen der Annahmen vieler Menschen meist schwieriger zu überwinden als eine körperliche Abhängigkeit, da sich das Craving über einen langen Zeitraum im Denken und Handeln von Konsumierenden festgesetzt hat. Der Körper hingegen entwöhnt sich nach einer recht kurzen Zeit von der Substanz und erlernt ein erneutes, normales Funktionieren des Stoffwechsels ohne die Substanz.
(vgl. https://www.drugcom.de/drogenlexikon/buchstabe-a/abhaengigkeit/)

Grundsätzlich kann jedoch gesagt werden, dass Abhängigkeit keine geradlinige Einbahnstraße ist, auf die man zwangsläufig gerät, wenn man Drogen konsumiert. Zwischen (Erst)Konsum und Abhängigkeit gibt es eine große Bandbreite an Konsummustern und Konsumformen. Und wenn man trotzdem beim Bild der Straße bleiben möchte: Es gibt viele Stellen, an denen man abbiegen und von der Straße runterfahren kann.

Ob jemand abhängig wird oder nicht, hängt nämlich von vielen unterschiedlichen Dingen ab: u.a. von der eigenen Persönlichkeit und der genetischen Veranlagung, der psychischen sowie körperlichen Verfassung (also „was bring ich als Person mit?“), den Konsumgewohnheiten, der Konsumform, dem sozialen Umfeld (Freund_innen, Familie, Kolleg_innen, Mitschüler_innen etc.) und dem Konsumumfeld (Stichwort „Setting“) sowie natürlich von den konsumierten Substanzen mit ihren Wirk- und Risikopotentialen.

Durch eine Abhängigkeit kommt es oft zu gesundheitlichen und/oder psychosozialen Schädigungen bei Konsumierenden. Abhängigkeit betrifft aber auch Angehörige (Familienmitglieder, Freund_innen) und das Lebens-/Arbeitsumfeld von Usern.

Aus einer Abhängigkeit rauszukommen, gelingt manchen von allein (mit Unterstützung von Freund_innen und Familie), anderen mit Hilfe von einer oder mehreren Therapien, manchen gar nicht und manche haben sich entschieden damit zu leben. Es gibt zahlreiche verschiedene Hilfs- und Unterstützungsangebote.