Drink Spiking

Eine Studie an in Ambulanzen vorgestellten Patienten, die einen
"spiked-drink" zu sich genommen hatten

[2006/2007]

[by Hywel Hughes, Rachael Peters, Gareth Davies, Keith Griffith]

Originalversion in Englisch: http://emj.bmj.com/content/24/2/89.full

Ziele: Die Abschätzung des Ausmaßes von "drink-spiking" in unserer Region
[Wrexham, Wales; UK - Anm. d. Uebersetzers] sowie die Feststellung der
dazu verwendeten Substanzen. Darüber hinaus soll ermittelt werden,
inwieweit ein Problem mit "drink-spiking" in irgendeiner bestimmten
Umgebung tatsächlich besteht.

Methoden: Eine Untersuchung aller Patienten, die innerhalb von 12 Monaten
mit dem Verdacht einen "spiked drink" zu sich genommen zu haben in
Notaufnahmen vorgestellt wurden. Blutproben wurden auf Alkoholwerte sowie
Substanzen, die sich für derartigen Missbrauch eignen, untersucht.
Es wurden auch Informationen darueber gesammelt, wo das vermutliche
"spiking" stattgefunden hat, sowie über den Einbezug der Polizei.

Ergebnisse: 75 Patienten wurden innerhalb der letzten 12 Monate mit dem
Verdacht auf "drink-spiking" aufgenommen. 42 Proben wurden analysiert und
in 8 Fällen [19%] positiv auf Substanzen mit Missbrauchspotential
getestet. 65% hatten Alkoholkonzentrationen von >160mg. Das mutmaßliche
"drink-spiking" fand an 23 unterschiedlichen Orten statt, an 2 davon
wurden 31% der Fälle gemeldet. Nur 14% der Befragten hatten die Polizei
informiert.

Schlußfolgerungen: Die meisten Patienten, die ein mutmaßlich präpariertes
Getränk zu sich nahmen, wurden negativ auf Substanzen mit
Mißbrauchspotential getestet. Die Symptome werden mit hohem Alkoholkonsum
in Verbindung gebracht.

Der Mißbrauch von Alkohol und anderen sedierenden Substanzen zur
sexualisierten Gewalt ist eine jahrhundertealte Praxis. Heutzutage können
einige legale und
illegale Substanzen mißbraucht und heimlich Getränken beigemengt werden.
Die Effekte einiger dieser Substanzen werden in Kombination mit Alkohol
verstärkt.

In den letzten Jahren hat sich die Berichterstattung gehäuft, meistens auf
nur wenige Substanzen fokussiert, z.B. ZNS-Dämpfer, Flunitrazepam
[Rohypnol] und {gamma}-Hydroxybutyrat [GHB]. Als Resultat entstand die
öffentliche Auffassung, "drink-spiking" wäre ein weit verbreitetes Phänomen.
Elliot berichtete über eine Folge von 27 nichttödlichen Fällen von mutmaßlichen
GHB-Vergiftungen im UK zwischen 1998 und 2003.

In einer britischen Studie an mehr an 1000 weiblichen Testpersonen mit dem
Verdacht auf einen sexuellen Übergriff mithilfe von Substanzen stellten
sich lediglich 2% als Fälle heraus, in denen vorsätzliches "drink-spiking"
mit sedativen Substanzen angewandt worden war. Die häufigste entdeckte
Substanz war Alkohol in 46% der Fälle, in 34% wurden andere illegale
Drogen entdeckt.

Im Bezirk Wrexham leben ca. 130 000 Einwohner in städtischer sowie
ländlicher Umgebung. Er wird aktiv als Erholungs- und Wochenendfreizeitort
beworben und zieht viele nächtliche Besucher aus den umliegenden Gebieten
an. Die Notaufnahme nimmt ca. 61 000 Fälle im Jahr auf und hat keine
Beobachtungsstation.

Wie in den meisten Notaufnahmen steigt die Anzahl der Behandlungen im
Zusammenhang mit Alkohol an den Wochenenden dramatisch an, und ähnlich wie
andere haben wir eine ansteigende Anzahl an Patienten, die behaupteten,
ihr Getränk wäre präpariert worden.
Veröffentlichte Studien über diese Patientengruppe im Umfeld der
Notaufnahme gab es noch nicht.

Die Absicht dieser Untersuchung war es, die beim "drink-spiking" benutzten
Drogen zu identifizieren und zu klären, inwieweit ein ernstzunehmendes
Problem besteht und wo.

METHODEN

Ab Oktober 2004 wurde eine 12-monatige Studie geführt. Alle Patienten über
16 Jahre, bei denen der Verdacht bestand, ein präpariertes Getränk
getrunken zu haben, wurden von der Studie erfasst.
Die Voraussetzung, an der Studie teilzunehmen, war lediglich die Vermutung
des Patienten, Opfer von "drink-spking" geworden zu sein, nicht jedoch die
Einschätzung der behandelnden medizinischen Fachkräfte.

Das lokale Ethikkomitte bestätigte die ethische Korrektheit.

Der Patient wurde über Details zur Studie sowie ihre Ziele informiert.
Blutproben [zur Bestimmung des Alkoholgehaltes] und Urinproben [für
Drogenanalysen] wurden entnommen. Mit der Zustimmung des Patienten, die
bei der Einlieferung oder bei einer späteren telefonischen Befragung
erteilt wurde, wurden sie zur Analyse gesandt.

Einige Tage später wurde eine telefonische Befragung durchgeführt. Es
wurden Informationen dazu gesammelt, wo das mutmaßliche "drink-spiking"
stattfand, ob die Polizei informiert wurde sowie zum regulären bezw.
zeitlich relevanten Substanzkonsum des Patienten.

Die Proben wurden sowohl auf Alkoholgehalt untersucht, als auch auf
folgende Stoffe: Kokain, Amphetamin und Derivate, Cannabinoide, Opiate,
Methadon, Benzodiazepine, Ketamin, Diphenhydramin, GHB und Rohypnol.

ERGEBNISSE:

75 Patienten wurden während der 12 Monate erfasst, davon 68% weiblich
[n=51]. Abb.1 zeigt den Anteil jeweiliger Altersstufen auf. [es folgen die
Angaben aus der Abb. - Anm. d. Übersetzers]

16-20: 37 Pers.
21-30: 23 Pers.
31-40: 12 Pers.
41-50: 3 Pers.

Die weiblichen Probanden übertreffen an der Zahl in jeder Altersgruppe die
männlichen.

Die meisten [82%] wurden am Wochenende aufgenommen, 50 [66%] kamen
zwischen 22 und 03 Uhr an.

Nach einer ärztlichen Untersuchung wurden 66 der Patienten entlassen, 6
wurden eingeliefert und 3 hatten die Klinik auf eigene Entscheidung vor
der Einschätzung verlassen.
Die 6 wurden in 4 Fällen aufgrund des hohen Grades der Vergiftung, in 1
Fall aus sozialen Gründen und in 1 Fall aufgrund von Vaginalblutungen
eingeliefert.

42 Urinproben wurden entnommen und analysiert [56% der Teilnehmer] und in
nur 8 Fällen positiv auf Drogen getestet. Keine einzige Probe wurde
positiv auf Rohypnol oder GHB getestet.

Gefundene Substanzen:

Patient 1 - MDMA, Kokain
Patient 2 - MDMA, Methamphetamin
Patient 3 - Amphetamin
Patient 4 - Amphetamin
Patient 5 - Opiate [Morphin, Codein]
Patient 6 - Opiate [Morphin]
Patient 7 - Opiate [Codein]
Patient 8 - Kokain

34 Blutproben wurden entnommen und auf Alkoholgehalt analysiert, mit einem
Limit von
10mg/dl, und in 32 [94%] Fällen positiv getestet. Die Resultate
bestätigten, dass
eine große Anzahl der Testpersonen einen sehr hohen Alkoholgehalt im Blut
hatte. Sie zeigen auch auf, dass die positiv auf Drogen getesteten
Patienten durchschnittliche Alkoholgehalte im Blut hatten. [Abb.1 -
Angaben unten, Anm. d. Übs.] Alle Patienten bis auf einen einzigen gaben
an, vor der Einlieferung Alkohol getrunken zu haben.

Alkoholkonzentration:
Kein Alkohol - 2 Patienten, 1 positiv
<80 mg/dl - 7 Patienten, 0 positiv
81-160 mg/dl - 3 Patienten, 1 positiv
161-240 mg/dl - 14 Patienten, 3 positiv
>240 mg/dl - 8 Patienten, 1 positiv
Nicht gemessen - 8 Patienten, 2 positiv

Insgesamt 49 [65%] Patienten nahmen an der telefonischen Befragung teil.
42 hatten Proben zur Verfügung gestellt, 7 nicht.
Das mutmaßliche "spiking" fand an 23 unterschiedlichen Orten statt. Nur
zwei Orte wurden in mehr als 2 Fällen genannt, 2 Nachtclubs wurden jeweils
acht und sieben Male genannt.
Die 8 positiv getesteten Patienten gaben sieben unterschiedliche Lokale an.
Fünf Patienten hatten von Freunden berichtet, die zur selben Zeit
vermutlich "gespiked" wurden, sich jedoch nicht im Krankenhaus vorgestellt
hatten.
Sieben Patienten [14%] hatten die Polizei eingeschaltet. Drei hatten schon
zuvor mutmaßlich Erfahrungen mit "drink-spiking" [von denen einer
erfolgreich den Täter verklagt hatte].

DISKUSSION

Eine Studie, die kürzlich vom Regionalen Toxikologielabor in Birmingham
durchgeführt wurde, berichtet über eine ansteigende Anzahl der Anfragen
nach toxikologischen Untersuchungen von Personen, die von ihrem Arzt bezw.
Klinik mit dem Verdacht aufgenommen wurden, unwissentlich Drogen zu sich
genommen zu haben. Von den untersuchten 169 Proben wurden 73 [43%] positiv
auf Alkohol und Drogen getestet, davon enthielten 29 nur Alkohol allein.
bei den gefundenen Substanzen handelte es sich um geläufige Drogen, weder
GHB noch Flunitrazepam wurde in den untersuchten Proben entdeckt.

Auch unsere Studie zeigt auf, dass die meisten Patienten, die sich in der
Notaufnahme mit dem Verdacht vorstellen, heimlich zugeführte Substanzen zu
sich genommen zu haben, negativ auf solche Substanzen getestet werden.
Unsere Studie weist eine höhere Rate bei der positiven Analyse auf Alkohol
auf, was durch die Zeitspanne, in der die Proben entnommen wurden, bedingt
sein mag. Die Symptome, die die Patienten beschrieben hatten, können als
durch hohen Alkoholkonsum bedingt gewertet werden. Einge dieser Patienten
könnten auch unwissentlich Alkohol verabreicht bekommen haben, dies zu
untersuchen, ist jedoch schwer.
Es könnte auch als eine Art Ausrede von Personen gesehen werden, die nach
[freiwilligem] exzessiven Alkoholkonsum unzurechnungsfähig wurden.

Die meisten Patienten wurden in der Nacht der mutmaßlichen Geschehens
vorgestellt, sodass auch Drogen mit einer kurzen Nachweisbarkeitsdauer
[bei GHB: 18 h] noch immer hätten nachgewiesen werden können. Ein paar
wenige Patienten, die später eingetroffen sind, könnten möglicherweise
negativ getestet worden sein, obwohl sie tatsächlich Opfer von
"drink-spiking" geworden sind.

Von den klinischen Befunden und Symptomen her unterschieden sich die
positiv getesteten Patienten nicht wesentlich von den negativ getesteten.
Alle positiv getesteten Patienten wurden entlassen, da die Entscheidung
über die Entlassung eines Patienten mehr von anderen klinischen Gründen
abhängt als von einem positiven Test, dessen Ergebnisse sowieso später
eintreffen.

Die in unserer Studie entdeckten Drogen waren Opiate [Codein, Morphin],
Amphetamine, MDMA sowie Kokain. Es wurde kein Ketamin, GHB oder Rohypnol
in den Proben gefunden, was darauf schließen lässt, dass sie in unserer
Umgebung nicht gängig sind, um Getränke zu präparieren. In unserer
Befragung gab keiner der positiv getesteten Patienten an, wissentlich vor
der Einlieferung Drogen zu sich genommen zu haben oder regulär
medikamentiert zu werden.

Nur 14% der Patienten in unserer Studie hatten die Polizei eingeschaltet.
2005 hat die Polizei von Nordost-Wales nur drei Fälle von mutmaßlichem
"drink-spiking" aufgezeichnet [durch persönliche Kommunikation
übermittelt.] Es ist also wahrscheinlich, dass die Polizei in Unkenntnis
über die Ausmaße des Problems ist. Die Zahlen dieser Studie repräsentieren
nicht die tatsächliche Verbreitung des Problems in unserer Gemeinde, da
viele Betroffene keine medizinische Hilfe in Anspruch nehmen bezw. sich
alternative Möglichkeiten der Unterstützung suchen. Darauf deuten auch die
fünf Fälle der Patienten hin, deren Freunde zur selben Zeit angegriffen
wurden, die sich jedoch nicht in der Notaufnahme vorgestellt hatten.

Die Lokalitäten, die besonders häufig im Zusammenhang mit mutmaßlichem
"drink-spiking" erwähnt wurden, sind gleichzeitig die meistbesuchten in
der Innenstadt am Wochenende.
 

Andere Einrichtungen, die mehr Patienten mit Verdacht auf "drink-spiking"
erfassen, könnten "Problemlokale" in ihrer Umgebung identifizieren. Daten
wie diese zu sammeln könnte der Polizei helfen, ihre Ressourcen auf die
Lokale zu fokussieren, in denen es ein Problem mit "drink-spiking" zu
geben scheint.

Es gab einige Pressekampagnen in den vergangenen Jahren, die die
Aufmerksamkeit auf "drink-spiking" lenken sollten.
Es sollte auch ein Schwerpunkt darauf gelegt werden, dass exzessiver
Alkoholkonsum Menschen angreifbar und verletzlich machen kann.

Schlußfolgernd bestätigt diese Studie unseren Verdacht, dass die meisten
Patienten, die mutmaßlich Opfer von "drink.spiking" geworden sind, negativ
auf Drogen getestet werden.
Wir konnten auch der Polizei anonyme Informationen zum Ausmaß des
Problems, so wie wir es sehen, weiterleiten.
Wir waren auch in der Lage, Orte zu identifizieren, in denen
möglicherweise ein "drink-spiking"-Problem besteht.

DANKSAGUNG

Wir danken dem Personal der Notaufnahme von Wrexham für die Entnahme der Proben sowie der biochemischen Abteilung von Wrexham und YSBYTY Gwynedd für die Aufbewahrung und Untersuchung der Proben.