Rede der Voluntscouts auf der Global Space Odyssey 2010

Hi, ich bin Henning von den Voluntscouts und in dieser Rolle hier um über Drogen, aktuelle Entwicklungen und Erfordernisse für einen Wechsel in der bundesdeutschen Drogenpolitik zu sprechen.

Die Drug Scouts sind ein Drogeninfoprojekt aus Leipzig. Das Projekt hat sich 1996 auf Initiative junger Menschen aus der Partyszene gegründet, mit dem Ziel über psychoaktive Substanzen, die damals wie heute auf Partys konsumiert wurden, zu informieren. Um unerwünschte Wirkungen zu vermeiden und über bestehende Risiken aufzuklären. Also ein Projekt von Partygänger_innen für Partygänger_innen.

Inzwischen sind über 10 Jahre vergangen und die Drug Scouts haben sich professionalisiert. Bei den Substanzen über die informiert werden, handelt es sich nicht mehr nur um Partydrogen. Das Projekt hat einen festen Sitz, den Drug Store in der Eutritzscher Strasse, eine eigene Internetseite www.drugscouts.de und ist Teil des Leipziger Drogenhilfesystems.

Wichtig dabei ist jedoch zu betonen, dass sie Menschen nach wie vor nicht vorschreiben wollen was sie zu tun oder zu lassen haben. Nein, Ziel der Arbeit ist es immer noch objektive Aufklärungsarbeit zu leisten.

Bildlich gesprochen, sie versuchen die „Beipackzettel“ zu schreiben, die es für illegalisierte Substanzen leider nicht gibt und verschweigen dabei auch nicht Wirkungen, die von vielen als angenehm erlebt werden.

Warum sind wir heute hier? Die GSO will für mehr Toleranz und Akzeptanz demonstrieren und die Vorstellung der Teilnehmenden von Kultur auf die Straße tragen. Nun weiß ich zwar nicht, wie eure individuellen Vorstellungen von Kultur aussehen. Was mir aber immer wieder durch Beobachtungen von Party- und Subkulturen auffällt, ist die Tatsache, dass dort Drogen, egal ob legale oder illegalisierte, von Menschen genutzt werden und mit unter auch einen festen Platz haben.

Also egal ob Alkohol, Tabak, Cannabis, Speed oder Ecstasy, überall dort wo Menschen nach außergewöhnlichen Zuständen suchen oder einfach für ein paar Stunden dem Alltag und seinen Zwängen entfliehen wollen, kann es auch zum Gebrauch dieser oder anderer Substanzen kommen. Dies stellt für mich eine Tatsache dar, die wir akzeptieren sollten.

Wie nötig es ist, für eine scheinbar so offensichtliche Tatsache um Akzeptanz zu werben, zeigt der Aufruf der Initiative: „Music is the only Drug“ aus dem letzten Jahr. Eine solche Behauptung ist schlichtweg falsch und ignoriert das Bestehen einer Drogenkultur.

Doch nur zu akzeptieren, dass Drogen konsumiert werden reicht nicht aus, wenn wir den Menschen helfen wollen die Auswirkungen und Risiken des Konsums psychoaktiver Substanzen zu vermitteln. Hierzu braucht es Aufklärungsarbeit und die am besten direkt an den Orten, an denen Menschen mit ihnen in Kontakt kommen, also auch auf Partys.

Hierzu bieten die Drugscouts und die Voluntscouts mobile Drogeninfostände an. Dort können sich Menschen kostenlose Substanzflyer, Obst, Wasser, Ohrstöpsel und andere nützliche Dinge abholen und sie finden dort kompetente Ansprechpartner_innen zum Thema Drogen. Wenn ihr euch sowas mal anschauen wollt, nachher am Richard Wagner Hain wird es einen solchen Stand geben, dann kommt einfach mal vorbei.

An vielen Stellen unserer Aufklärungsarbeit stoßen wir jedoch immer noch an Grenzen. Einerseits können wir entweder keine wissenschaftlich gesicherten Aussagen mache, da beispielsweise auf dem Gebiet der illegalisierten Substanzen und deren Wechselwirkungen fast keine Forschung stattfindet, andererseits sind sie starken schwarzmarktbedingten Qualitätsschwankungen ausgesetzt, sodass wir nie wirklich wissen können was darin in welcher Konzentration enthalten sein kann.

Solange der Legalitätsstatus vieler Drogen so bleibt wie er ist, fehlt uns ein Instrument zur Qualitätskontrolle und somit zur Schadensminimierung: Daher fordern wir weiterhin dringend die Einführung von Drug Checking Programmen, damit auch bundesdeutsche Drogengebraucher_innen in Erfahrung bringen können, was in ihren Drogen enthalten ist. Dass dies sinnvoll und nützlich ist, zeigt dass es bereits in einigen europäischen Ländern derartige staatlich finanzierte Testprogramme gibt, die von den Usern auch reichlich in Anspruch genommen werden.

Auch wir werden auf Drogeninfoständen häufig nach Testmöglichkeiten gefragt. Drogengebraucher_innen ist ihre Gesundheit schließlich nicht egal. Was ein Fehlen von Drug Checking anrichten kann sehen wir an den aktuellen Entwicklungen der letzten zwei Jahre:

Schwermetalle, Kunststoffe, Zucker, Haarspray, Hormone, Pestizide, giftige Düngemittel und mehr in Cannabisprodukten führen in vielen Fällen zu enormen gesundheitlichen Problemen. Die allgemeine Qualität des auf dem Markt verfügbaren Cannabis sank in einem bisher nicht gesehenen Maße.

Die um sich greifende Unsicherheit auf dem Ecstasy- und Amphetaminmarkt, der mittlerweile starken Qualitätsschwankungen und gehäuften Beimengungen von Medikamenten und neuen chemischen Ersatzstoffen unterworfen ist, bewirkt teilweise ein Umschwenken der User auf mitunter legale, leicht übers Internet zu beziehende, aber „wenigstens reine“ psychoaktive Substanzen, genannt Research Chemicals.

Dies sind Zwischenprodukte aus der Pharmaindustrie, die irgendwann erfunden wurden, für die aber nie ein praktischer Sinn gesehen wurde. Daher wurden sie nie als Medikamente angemeldet und es fand keine Forschung damit statt. Diese werden trotz unbekannter Neben-, Wechsel und Langzeitwirkungen immer häufiger konsumiert, nach dem Motto: „Ich weiß nicht was in illegalisierten Drogen drin ist, aber gehe Strafverfolgungsrisiken beim Konsum ein."

Der ohnehin enormen Qualitätsunterschieden unterlegene Heroinmarkt wurde Ende letzten Jahres noch zusätzlich schwer belastet, als wohl Heroin auf den Markt kam, welches Anthrax, also Milzbranderreger, enthielt. Viele Krankheitsfälle von Groß Britannien bis Deutschland und einige Todesfälle waren die Folge.

Diese drei aktuellen Entwicklungen hier nur als Beispiel dafür, warum wir Drug Checking dringend brauchen! Denn nur wenn Drogengebraucher_innen wissen was drin ist, können sie sich vor unangenehmen und gefährlichen Folgen schützen!

In diesem Sinne für mehr Toleranz und Akzeptanz gegenüber Drogengebraucher_innen und für einen offenen Umgang mit dem Thema Drogenkonsum in der Partyszene und dem Rest der Gesellschaft.

(gehalten auf der zweiten Zwischenkundgebung der Global Space Odyssey 2010)