Schädigt Crystal das Gehirn?

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Frage:

Hallo,
dass Crystal schädlich ist, ist mir natürlich klar und ich kenne auch die Folgen (vorallem Langzeitfolgen). Besonders die psyschischen Schäden wie Paranoia und Depression sind mir bekannt, zum Glück nicht bei mir. 

Leider finde ich nirgends genaueres, wie Crystal das Gehirn angreift und eventuell kaputt macht. Tut es das überhaupt? Kann es schon bei einmaligen Konsum sein, dass die Denkleistung für immer vermindert wird? Oder ist es sogar so, dass selbst ein Langzeitkonsument nach Absetzen der Substanz wieder seine volle "Denkfähigkeit" zurückerlangt. Wie sehr hängt das Konsummuster damit zusammen? Könnte man also sagen, dass "gemäßigter" Konsum für die Denkleistung des Hirns unschädlich ist oder eher nicht?

Ich werde leider überhaupt nicht im Internet fündig dazu. Wäre toll, wenn ihr da mehr wisst.

LG

 

Dr. Frühling:

Hallo,

Methamphetamin stimuliert das zentrale Nervensystem. Es bewirkt eine erhöhte Ausschüttung der Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin in die synaptischen Spalten im Gehirn sowie von Adrenalin in den Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks.
Bei hochdosiertem, längerfristigem Konsum greift Crystal tiefgreifend und nachhaltig in die Gehirnstruktur ein.
Zu den größten "Schäden" kommt es vor allem im limbischen System (Emotionen und Belohnungssystem) sowie im Hippocampus (Erinnerung
). Je nach Konsumdauer und -intensität (ja, das Konsummuster hat einen Einfluss) kann es zu kognitiven Störungen wie Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie Psychosen kommen.
Neben einigen anderen Dingen wird vor allem der Dopaminhaushalt ("das Belohnungssystem") stark verändert: es kann zu einer geringeren Dopaminausschüttung, Verminderung der Dopamintransporter und -rezeptoren kommen -
d.h. es ist nur wenig Dopamin im Gehirn verfügbar, eine Signalübertragung findet nicht oder nur reduziert statt. Das zeigt sich zum Beispiel an Anhedonie (= der Unfähigkeit, Freude und Lust zu empfinden), mangelndem Antrieb oder depressiven Verstimmungen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sich mit anhaltender Abstinenz das Dopaminsystem wieder erholt und sich kognitive Besserungen einstellen. Das braucht aber Zeit - von ca. 3 Monaten bis mehr als 1 Jahr.
Laut verschiedenen Untersuchungen*(siehe unten) mit
Mäusen und Ratten hat Crystal bei dauerhaftem Konsum eine neurotoxische Wirkung; d.h. Nervenzellen sterben ab.
In der folgenden Präsentation findest Du noch ein paar weitere Infos zum Thema "Auswirkungen von Crystalkonsum auf das Gehirn":
/sites/default/files/patientenMedinfoATSStunde1.pdf
Quelle: gebo-med.de/pdf/hochstadt/infomaterial/vortraege/patientenMedinfoATSStunde1.pdf


Eine genaue Aussage darüber, wie wenig oder viel, wie oft oder selten man konsumieren "darf",
um keine Einschränkungen der kognitiven Leistung befürchten zu müssen, können wir nicht treffen. Wir wissen nicht, wie Du "gemäßigten Konsum" definierst. Die Studie von Volkow et. al (s.u.) zur Erholung des Dopaminhaushalts nach Methamphetaminabhängigkeit wurde bspw. mit Menschen durchgeführt, die über 2 Jahre an mindestens 5 Tagen in der Woche wenigstens 0,25 g Methamphetamin konsumiert haben. Konsumdauer und - intensität haben einen großen Einfluss auf das Risiko einer (dauerhaften) Beeinträchtigung der Gehirnleistung. Fazit: je weniger und seltener, desto geringer das Risiko. 

Auch das Risiko einer psychischen Gewöhnung sowie einer Toleranzentwicklung ist bei Crystalkonsum ziemlich hoch.
Entscheidest Du Dich trotz der Risiken für den Konsum, empfehlen wir Dir, Deinen Konsum kritisch im Auge zu behalten. Achte darauf, ob sich Deine Konsumfrequenz oder Deine Dosis erhöhen/erhöht haben. Brauchst Du länger als früher um Dich nach dem Konsum zu erholen? etc.

Viele Grüße und alles Gute,
Dein Dr.-Frühling-Team


* Methamphetamine induces neuronal apoptosis via cross-talks between endoplasmic reticulum and mitochondria-dependent death cascades
S. JAYANTHI, X. DENG, P.-A. H. NOAILLES, B. LADENHEIM, and J. L. CADET: FASEB J, February 1, 2004; 18(2): 238 - 251.

https://www.fasebj.org/doi/pdf/10.1096/fj.03-0295com

Speed kills: cellular and molecular bases of methamphetamine-induced nerve terminal degeneration and neuronal apoptosis
J. L. CADET, S. JAYANTHI, and X. DENG : FASEB J, October 1, 2003; 17(13): 1775 – 1788


Studie zu möglicher Erholung des Dopaminhaushalts nach Methamphetaminabhängigkeit: Volkow, ND et al., Journal of Neuroscience 21, 9414-9418, 2001.: http://www.jneurosci.org/content/21/23/9414.full.pdf

 

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