Der kontrollierte Rausch

DROGENKONSUM / Experten denken über Alternativen zu Verboten nach Der kontrollierte Rausch Wer totale Abstinenz verlangt, erreicht die meisten Jugendlichen nicht Immer mehr Jugendliche kommen immer früher in Kontakt mit Alkohol und anderen Drogen. Strikte Verbote helfen dagegen wenig, sagen Forscher. Wichtig sei vielmehr, auf die Gefahren der Stoffe hinzuweisen - und auf den Unterschied zwischen Genuss und Sucht. "Unsere Lehrerin hat gesagt: Wer einmal eine Ecstasy-Pille schluckt, der wird süchtig", erzählt die 14-jährige Judith zu Hause. Im Religionsunterricht sprechen die Gymnasiasten über Drogen. Doch nicht alles, was dabei verbreitet wird, erweist sich als sinnvoll. "Was heute über illegale Rauschmittel erzählt wird, ist zum Teil hanebüchen", urteilt Henrik Jungaberle von der Abteilung für Medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg. In Untersuchungen zum Umgang mit Rauschmitteln an Schulen im Rhein-Neckar-Kreis stellte der Psychologe fest, dass selbst die eigens für Suchtprävention beauftragten Lehrer oft "erstaunlich uninformiert" sind. Viele Lehrer und Schulsozialarbeiter warnten vor dem Drogenkonsum "wie vor dem schwarzen Mann" und setzten alterstypisches Probieren mit Suchtverhalten gleich. Abschreckungspädagogik funktioniere jedoch nie, sagt Jungaberle. Auch für den Drogenforscher Wolfgang Schneider geht eine Politik, die absolute Abstinenz propagiert, an der Realität vorbei. "Was wir brauchen, sind klare Regeln im Umgang mit Rauschmitteln", sagt der Leiter des Indro-Instituts in Münster, das Forschung und Aufklärung zum Thema Drogen betreibt. Denn die drogenfreie Gesellschaft gibt es nicht. Im Gegenteil: Während 1980 jeder Siebte der 18- bis 24-Jährigen Erfahrungen mit Cannabis hatte, ist es nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heute bereits mehr als jeder Dritte. Bei den 13-Jährigen hatten neun von zehn, bei den 15-Jährigen nahezu alle Befragten einer europäischen Vergleichsstudie Alkoholerfahrungen, berichtet die "Ärztezeitung". "Die Frage darf deshalb nicht länger heißen: Wie schütze ich mein Kind vor jeglichen Drogen, sondern wie mache ich mein Kind so stabil, dass es mit Drogen umgehen kann, wenn es sie ausprobiert?", sagt Jungaberle. Der Psychologe geht seit eineinhalb Jahren in einem Sonderforschungsprojekt der Bedeutung von Ritualen für den kontrollierten Drogenkonsum nach: Rauscherlebnisse zu kultivieren statt sie auszugrenzen. Wie etwa beim Weingenuss: "Wer gelernt hat, ein Glas Wein zu genießen, ihn über den Gaumen aufzunehmen und das Bouquet zu schmecken, ist weniger gefährdet, die Kontrolle über seinen Konsum zu verlieren", meint auch Drogenforscher Schneider. Eine intelligente Ritualisierung des Rausches sei jedoch nur ohne Verbote möglich. Wenn Sozialarbeiter und Suchtberater nur den Ausstieg und totale Abstinenz propagierten, erreichten sie viele Jugendliche nach Ansicht von Schneider nicht. "Wer aber vernünftige Gründe anführen kann, wieso Ecstasy nicht mit Alkohol und Amphetaminen gemischt werden soll oder weiß, wie man mit weniger und risikoärmeren Drogen mehr Heiterkeit, Lust oder Ekstase erreichen kann, dem hören die Leute auch zu", sagt Hans Cousto vom Verein zur Förderung der Party- und Technokultur und Minderung der Drogenproblematik "Eve & Rave" in Berlin. Über Risiken aufklären Auch Schneider setzt auf mehr Drogenberatung im Wortsinn: "Drogenberatungsstellen sollten nicht nur für ausstiegswillige Jugendliche offen sein, sondern auch für die, die nur wissen wollen, wie viel sie sich am Wochenende zumuten können, ohne zusammenzuklappen." Besonders Jugendliche, die bereits Rauschmittel nehmen und auch nicht bereit sind, damit aufzuhören, sollten sachlich über Risiken und einen weniger gesundheitsschädlichen Umgang mit Suchtstoffen aufgeklärt werden. Im Aktionsplan Drogen und Sucht der Bundesregierung heißt das "Schadensreduzierung": Das Überleben derjenigen sichern, für die ein völliger Ausstieg nicht in Frage komme, beschreibt es Ingo Ilja Michels von der Geschäftsstelle der Bundesdrogenbeauftragten. Den Leitsatz der mittlerweile in die Jahre gekommenen Kampagne "Keine Macht den Drogen" findet der Psychologe Henrik Jungaberle nach wie vor in Ordnung: "Wer will den Drogen schon die Kontrolle über sein Leben einräumen?" Nötig sei jedoch mehr als die Warnung vor dem Abrutschen in die Sucht, sagt der Psychologe. Genauso wichtig seien Vorbilder. Vorbilder, die zeigen, wie man mit Rauschmitteln umgehen kann, ohne sich zu gefährden. [Link nicht mehr aktiv]

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