Mutterkornpilz/Clavicepa purpurea

Substanz

Mutterkorn heißt das Überwinterungsstadium verschiedener Schlauchpilze, die als "Nutznießer" verschiedene Getreide oder Süßgräser befallen. Der Mutterkornpilz kann weltweit an Gräsern und Getreide (vor allem Roggen, aber auch Gerste oder Weizen) auftreten. Seinen Namen verdankt der Pilz seiner gebärmutterkontrahierenden (daher wehenauslösenden) Wirkung. Andere Bezeichnungen für den Pilz sind z.B. Purpurroter, Hahnenpilz und Ergot oder auch Krähenkorn, Hahnensporn, Hunger- oder Tollkorn.

Alle Mutterkornpilze produzieren psychoaktive und/oder toxische Alkaloide. Der Wirkstoffgehalt des Pilzes variiert je nach Unterart stark. Der Mutterkornpilz kann je nach Rahmenbedingungen des Aufwachsens (Wirtspflanze, Klima, Standort etc.) unterschiedlich wirkende Alkaloide (Ergotamin, Ergotin, Ergocryptin, Ergocornin, Ergometrin sowie Ergocalvin, Histamin, Tyramin, Cholin, Acetylchloin und gelegentlich Lysergsäureamid, Lysergsäurehydroxyethylamid und Ergonovin etc.) bilden. Aus einigen Wirkstoffen kann die Substanz Lysergsäurediäthylamid hergestellt werden.

Historie

Die Geschichte des Mutterkorns reicht weit zurück: Seine Abbildung findet sich auf antiken keltischen Münzen. Vermutet wird seine Verwendung in Elixieren verschiedener Kulturen (das Soma der Arier, das Kykeon der Griechen, Stein der Weisen der Alchimisten...).
Im Mittelalter löste durch Mutterkorn befallenes Getreide in Broten epidemische Krankheiten aus, die v.a. in Mittel- und Südeuropa auftraten. Wegen der mit Verbrennungen vergleichbaren Schmerzen und der Erhitzung des Körpers bezeichnete man in dieser Zeit die durch Mutterkorn hervorgerufene Vergiftung als "Heiliges Feuer" oder "Antoniusfeuer" (Antonius = Schutzpatron der Mutterkornvergifteten, da er der Sage nach in der ägyptischen Wüste den Halluzinationen des Teufels widerstand).

Die im Volksmund gebräuchlichen Namen Mutterkorn, Rockenmutter (Roggenmutter) oder Afterkorn deuten auf die ursprüngliche Verwendung hin. Im Mittelalter wurde es von Hebammen zur Einleitung einer Geburt genutzt. In der späten Neuzeit (ab dem 18. Jahrhundert) war Mutterkorn das bedeutendste Wehenmittel. 1918 isolierte und beschrieb Arthur Stoll erstmals Ergotamin als Mutterkornalkaloid. Diese Substanz mit ihrer gebärmutterkontrahierenden und blutstillenden Wirkung weckte Hoffnung auf neue Medikamente in der Geburtshilfe. Einige aus Mutterkornalkaloiden abgeleitete Stoffe werden bis heute vielfach verschrieben (z.B. Methergin, Dihydergot). Im Verlauf der weiteren Analyse des Mutterkorns synthetisierte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann 1938 LSD und entdeckte zahlreiche andere Mutterkornalkaloide.

Wirkung

Einige der im Mutterkorn enthaltenen Alkaloide haben eine toxische, andere eine psychedelisch-halluzinogene Wirkung. Allerdings ist die Wirkung der halluzinogenen Inhaltsstoffe im Vergleich zu den starken Nebenwirkungen von Mutterkorn sehr gering. D.h., KonsumentInnen von Mutterkorn können nicht in den Genuss der halluzinogenen Wirkung kommen, weil negative Nebenwirkungen überwiegen. Da die verschiedenen Alkaloide nicht in getrennter Form vorliegen, können die erwünschten Wirkeffekte nicht von den unerwünschten getrennt werden.

Die psychedelische Wirkung beruht auf der Kombination verschiedener halluzinogener Stoffe, die im Fruchtkörper des Mutterkorn enthalten sind. Die Wirkstoffkonzentration ist abhängig von der jeweiligen Pflanze, auf der der Pilz wächst und unterliegt beträchtlichen Schwankungen. Eine genaue Beschreibung der Wirkung dieser Kombination ist aufgrund fehlender Erfahrungsberichte nicht möglich, sie kann jedoch in etwa mit der von LSD, LSA (auch in hawaiianische Rosenholzsamen enthalten) und Zauberpilzen verglichen werden.

Die gesundheitsschädigende/toxische Wirkung der Alkaloide äußert sich in zwei verschiedenen Formen des Ergotismus. Zum einen beginnt die Vergiftung mit Erbrechen, Durchfall und Kribbeln in den Fingern, begleitet von starken Schmerzen. Nach ein paar Tagen kann es zum Verfärben und schließlich Absterben von Fingern und Zehen kommen. Die andere Form beginnt mit ähnlichen Symptomen, jedoch stehen später nervöse Störungen wie Krampfanfälle bis hin zu epilepsieähnlichen Muskelkrämpfen im Vordergrund. Diese Anfälle können auch nach Wochen und Monaten wiederkehren und u.U. stundenlang anhalten.

Extraktion der Mutterkornalkaloide

Es gibt kein einfaches Verfahren zur Trennung von psychedelisch wirkenden und giftigen Alkaloiden. Nur unter Laborbedingungen (und entsprechenden Kenntnissen der Chemie) können Extrakte oder Lösungen hergestellt werden, in denen nur die halluzinogene Stoffe enthalten sind. Solche Verfahren sind z.B. die Kaltwasserextraktion oder die alkoholische Extraktion, bei denen die Fruchtkörner des Mutterkorns vom reifem Getreide gesammelt, getrocknet und pulverisiert werden. Aus dem Pulver können dann per Aufguss mit kaltem Wasser oder Alkohol Extrakte hergestellt werden.

VORSICHT:

Ohne Test auf die tatsächlich enthaltenen Inhaltsstoffe mit Hilfe einer komplizierten Massenspektrometeranalyse raten wir davon ab, Mutterkorn in irgendeiner Form zu konsumieren, da der Konsum zu schweren Vergiftungserscheinungen (siehe oben) führen und sogar lebensgefährlich sein kann. Gerade alkoholische Extrakte sind nicht zu empfehlen, da sie zusätzlich schädliche Alkaloide lösen können.

Fazit

Aus unserer Sicht ist der Konsum von Mutterkorn aufgrund der nicht eindeutig bestimmbaren Inhaltsstoffe und des Risikos einer schweren Vergiftung nicht zu empfehlen.
Wichtig: Eine sachgemäße Herstellung als Voraussetzung für einen risikominimierter Gebrauch eines nichttoxischen
Extrakts ist nur mit ausreichenden Kenntnissen der Chemie, einem entsprechend ausgestatteten Labor und einem abschließenden präzisen Test über die im Extrakt vorliegenden Inhaltsstoffe möglich (Massenspektrometeranalyse). Der Gebrauch des Mutterkornpilzes ohne die Herstellung eines Extraktes
kann zu einer starken Vergiftung bis hin zum Tod führen.

Aus diesem Grund sollen unsere Angaben nur zur Information über Mutterkorn dienen, nicht jedoch als Hinweise zum risikominierenden Gebrauch von Mutterkorn, da dieser aus unserer Sicht nicht möglich ist.

Für pharmazeutische Zubereitungen aus Mutterkorn besteht grundsätzlich Apothekenpflicht. Für alle Zubereitungen aus Mutterkornalkaloiden besteht Verschreibungspflicht.

Quellen

  • Rätsch, Christian; Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen S.643 ff; Stuttgart 1998; AT Verlag
  • Riedlinger, Thomas; "Polydamnas Drogen" aus Entheogene Blätter S.22 ff; Ausgabe 2; Berlin Juli/2002

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