[LVZ] Drug Scouts: "Hauptaufgabe: Drogen-Aufklärung"

Ein Interview mit uns aus der Printausgabe der Leipziger Volkszeitung (Clemens Haug) vom 26.05.2011:

Hauptaufgabe: Drogen-Aufklärung
Drug-Scouts verstehen ihre Arbeit als Gesundheitsvorsorge

Polizeichef Horst Wawrzyski sieht Leipzig im Griff von Beschaffungskriminalität. Mit ihrer Wohlfühlpolitik für Drogenabhängige trage die Stadt zum Problem bei, fügen andere Kritiker hinzu. Auch das Projekt Drug-Scouts hat sich diesen Vorwurf in letzter Zeit häufig anhören müssen. Zu Unrecht, meinen die Scouts.

Vielleicht ist alles ein großes Missverständnis. Die Drug-Scouts fühlen sich jedenfalls in der Debatte um Leipzigs Drogenpolitik zu unrecht angegriffen. Wer die Seite der Scouts im Internet in jüngster Zeit besucht, bekommt als erstes den Hinweis zu lesen: "Wir sind keine Suchtberatungs- oder Behandlungsstelle, sondern ein Informations- bzw. Präventionsprojekt." Gemeint ist: Im Mittelpunkt der Arbeit stehen nicht Heroinabhängige, sondern Jugendliche und junge Erwachsene, die die Scouts über Wirkungen, Nebenwirkungen und Risiken von Drogen informieren wollen und für die sie ein Ansprechpartner bei Problemen sein möchten. Die Substanzen, um die es geht, sind dabei vor allem in die so genannten Partydrogen - also Cannabis, Ecstasy und LSD. Aber auch der Konsum legaler Mittel wie Alkohol, Zigaretten und Kaffee steht im Mittelpunkt der Aufklärungsarbeit. "Unsere Zielgruppe bezeichnet ihren Umgang mit Drogen als Ausprobieren oder Experiment und möchte wissen, wie sie Risiken reduzieren kann", erklärt Sozialpädagoge Daniel Graubaum, einer der Scouts.

Die Drug-Scouts werden von der gemeinnützigen Gesellschaft Leipziger Suchtzentrum (SZL) getragen, finanzieren sich aus Mitteln der Stadt und der SZL. Deren Geschäftsführer Holger Herzog erklärt: "Bei den Scouts handelt es sich um ein Projekt, das sich vor allem der Gesundheitsvorsorge junger Menschen widmet. Dabei geht es nicht nur um Drogen. Sie klären im Rahmen ihrer Arbeit auch darüber auf, wie die Besucher von Partys mit extrem lauter Musik ihr Gehör schützen können. Ebenfalls gehört dazu, Jugendliche darüber aufzuklären, wie wichtig geschützter Geschlechtsverkehr, also Safer-Sex ist." Das Drogenaufklärung nach wie vor notwendig ist, zeigen die regelmäßigen Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Sie ist die Fachbehörde der Bundesregierung für Prävention und Gesundheitsförderung und führt alle zwei Jahre per Telefon eine repräsentative Befragung bei jungen Menschen durch. Für das Jahr 2008 gaben 28,9 Prozent der zwölf- bis 25-Jährigen an, schon einmal in ihrem Lebenillegale Drogen genommen zu haben. Das ist beinahe jeder dritte Jugendliche. Die Zahl derjenigen, die unmittelbar zum Zeitpunkt der Befragung angab, Drogen zu konsumieren, ist mit 4,1 Prozent zwar deutlich geringer. Aber immerhin 2,5 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig Drogen zu konsumieren. Drug-Scouts Daniel Graubaum geht davon aus: "Konsum lässt sich nicht um jeden Preis verhindern." Er weisst darauf hin, dass auch die sächsische Polizei diese Ansicht teilt, wenn sie auf einer ihrer Internetseiten schreibt: "Das für die Jugendphase typische sich Ausprobieren, das Austesten von Grenzenbeinhaltet auch den Konsum von Drogen". Genau wie die Polizei begründen auch die Drug-Scouts ihre Arbeit mit der Notwendigkeit von Aufklärung und Vorsorge auf dem Gebiet von Drogen.

Kritisiert wurde das Projekt dafür, dass in seinen Informationsbroschüren auch positive Seiten der Wirkung von Drogen geschildert werden. Auf ihrer Seite schreiben sie: "Es gibt diese Wirkungen. Sie nicht zu nennen, ist unglaubwürdig. Allerdings finden in unseren Informationsmaterialien und Erfahrungsberichten ebenso negative Begleiterscheinungen von Drogenkonsum." Sie wollen mit ihrer Aufklärungsarbeit vor allem dazu beitragen, dass junge Konsumenten möglichst wenig gesundheitliche Risiken eingehen und beispielsweise auf gefährlichen Mischkonsum mehrerer Stoffe gleichzeitig verzichten. Wer aber Probleme mit seinem Konsum bekomme, zum Beispiel eine Abhängigkeit von bestimmten Substanzen entwickele, den vermittele man an die anderen passenden Angebote in Leipzig weiter, so Graubaum. Nicht nur, um Risiken abzuwenden, ist man beim Projekt auf ein vertrauensvolles Verhältnis zu jungen Drogenkonsumenten angewiesen. Gleichzeitig sind diese oft die einzige Informationsquelle darüber, welche Substanzen derzeit im Umlauf sind und welche Wirkung sie entfalten. "Es gibt im Bereich von illegalen Drogen nur sehr wenig wissenschaftliche Untersuchungen über die Folgen des Konsums. Da sind wir auf die Erfahrungen der Nutzer angewiesen", sagt Graubaum. In letzter Zeit tauchten immer mal wieder Pillen auf, in denen Randprodukte pharmazeutischer Forschung verwendet würden. "Über diese so genannten Research-Chemicals weiß man so gut wie gar nichts. Außer den Nutzern kann niemand sagen, wie sie wirken. Hätten die Hemmungen, sich mit uns in Verbindung zu setzen, würden wir auch nichts erfahren."

Und letztlich profitierten von diesen Informationen auch die Angehörigen der Drogenkonsumenten, meint Graubaum: "Viele Eltern rufen auf dem Drogentelefon an und haben einfach Angst vor dem, was ihr Kind da tut, wissen aber gleichzeitig praktisch nichts darüber. Unsere Informationen helfen ihnen weiter, so dass sie einordnen können, was sie bei ihrem Nachwuchs erleben. Und oft ist es eine erste Grundlage, dass sie mit den Kindern darüber reden können."

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Erscheinungsdatum: 

25.05.2011